Süddeutsche Zeitung
3. November 2005

Die Weltwoche
Jänner 2004

Die Weltwoche
No 48 2003

FAZ
3. Mai 2002
Jazz im Zeitraffer
Vom Ragtime zur Free Music: Das Vienna Art Orchestra spielt mit der Geschichte.
Ein Vierteljahrhundert ist dieser Tanker unter den Jazzformationen jetzt unterwegs: schwer manövrierbar, kostenträchtig und weil er dem Genre „Big Band“ zugerechnet wird, mit dem Ruch des Rückwärtsgewandten behaftet. Da gibt es scheinbar kaum Blumentöpfe zu gewinnen. Doch der Mann auf der Brücke, Mathias Rüegg, hat das Vienna Art Orchestra (VA0) klug durch die wogende See manövriert, weil er Tradition nie als „das Anbeten von Asche“ verstand, sondern in Gustav Mahlers Sinn als „Weiterreichen des Feuers“.
Das VAO spielte Strawinsky und Scott Joplin, Bach und Ornette Coleman, Volkslieder und Ländler, Strauss, auch Satie, Dolphy und Ellington. Hier gab es nie kritiklose Verehrung afroamerikanischer Götter, hier arbeiteten Europäer im Geiste des Jazz –aber eben auch mit europäischer Tradition. Dieser freigeistige Eklektizismus war es, der dem VO schnell eine herausragende Stellung unter den Jazzorchestern einbrachte. Die Frage war nur: Wer oder was ist das nächste Objekt der glücklichen Verwurstung?
Zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum reist das VAO derzeit mir zwanzig Männern und einer Frau durch Europa und leistet sich den Luxus, von Tag zu Tag wechselnd drei verschiedene Programme anzubieten. Das ambitionierteste unter diesen ist „A Centenary Journey 1900-2000“., das Jahrhundert des Jazz im Zeitraffer. In Dekadensprüngen jagt, johlt und jubiliert das VAO durch die Jazzgeschichte. Von Jelly Roll Morton über Satchmo, Swing, Bebop, Cool, Free, Fusion und Miles führt die faszinierende Neunzigminutenshow schließlich zu jenem Hiphop-, Techno- und Ethno-Stilmix, der den Jazz am Ende des letzten Jahrhunderts geprägt hat. Wohl kaum eine andere Musik hat seit ihren Anfängen derart viele stilistische Facetten entwickelt wie das, was mit Jazz umschrieben wird. Und das VAO lässt all das klanglich aufscheinen, zu kurzen Blitzen werden, die treffsicher einschlagen.
Da rumpelt eine Ragtime, „Steam Stomp“ frönt der frühen Kollektivimprovisation aus New Orleans, die Vokalistin Anna Lauvergnac intoniert Reminiszenzen an Bessie Smith und den Blues der zwanziger Jahre, bevor mit „Golden Moments“ in Count Basies Dampfkapellen-Manier der Swing zum tanzen gebracht wird – wie einst ein ganzer Kontinent. Danach verliert der Jazz seine allgemeinverständlichen Codes, der Bebop jagt zwanzigminütige Soli die Kellerwände hoch: viele Noten, schnelle Tempi, komplexe Harmonien, abenteuerliche Akkordwechsel. Herwig Gradischnig lässt in „Arriba“ den Schalltrichter seines Baritonsaxophons glühen.
Andy Scherrer am Tenorsaxophon kühlt dieses Feuerwerk herunter zum Cool Jazz. „The Aura Of Coolness“ arbeitet mit Kürzeln, Verknappung, Verhaltenheit und Klangräumen, die an Gil Evans erinnern, bevor Christian Muthspiel auf der Posaune die Ära des „free playing“ und der großen Experimentierlust einläutet. Harry Sokals irrwitziges Sopransax-Solo singt das Hohelied des modalen Jazz, bevor die Trompeter Bumi Fian und Matthieu Michel den Geist des elektrischen Miles von der Kette lassen. Mittlerweile hat die Rhythmusgruppe personell gewechselt, jetzt ist sie elektrifiziert. Jeder Solist des VAO wirkt selbst hochprofessionell, man verzichtet ganz auf amerikanische Gastsolisten-Stars. Entscheidend sind die Klangtexturen, in denen die Solisten stehen. Und die sind von abenteuerlichem Esprit und in diesem historisierenden Kontext stimmig gesetzt. Vor allem ist dieses einzigartige „Lehrstück“ in Sachen Jazzgeschichte völlig frei von didaktischem Mief. Die Partituren stammen bis auf wenige Ausnahmen von Mathias Rüegg, der wegen der zu kleinen Bühne im Stadttheater Rüsselsheim mitunter von den Zuschauerrängen aus dirigiert. Er beschränkt sich auf das Einzählen und Markieren wichtiger Gelenkstellen in der Satzarbeit.
Mehrmals im Laufe der Geschichte des VAO hat sich das Orchester gehäutet und verjüngt. Einige Musiker sind fast von Beginn an dabei. Das Feuer und der Biss, etwas zu wollen, sind bis heute geblieben. Rüegg erinnert sich zu beginn des Konzerts an jene Tage, in denen man sich über jeden schon etwas älteren Besucher im Publikum gefreut habe. Nun sei es leider umgekehrt. Jüngeres Publikum ist heute eher Mangelware. In dieser ironisch verpackten Bemerkung steckt eine bedrohliche Selbstreflexion: Hat die Entwicklung des Jazz nicht längst ihren Höhepunkt erreicht und überschritten? Ist Jazz nicht mehr eine innovative, sondern nur noch eine reproduktive Musikform? Mit anderen Worten: Viel Tradition, wenig Zukunft? Das VAO gibt eine Antwort: Mi Ideenreichtum, Energie und Spielwitz kann man vielleicht sogar den Kampf gegen musikalische Entwicklungsgesetzlichkeiten gewinnen. GUENTER HOTTMANN


